Erzählungen

Fahrgeld

Lesung in der Galerie Floss & Schultz Köln

Aufzeichnung von Frank Norden am 10.11.2015. Bildwerk in Hintergrund von Ivo Ringe.

Alícias goldene Hochzeit


Dona Alícia wählte eine Telefonnummer von der Internetseite, legte aber auf, als eine weibliche Stimme sagte: Luxevent, bom dia! 

Die junge Dame klang, als ob sie in Eile wäre. „Da müsste ich meine Geschichte  kurz zusammenfassen und den Service ohne zu zögern bestellen. Aber wie? Ich weiß ja noch nicht einmal, was ich eigentlich will", sagte sich Dona Alícia verärgert. Sie brauchte eine Beratung von jemandem, der ihr zuhören konnte. Danach könnte sie entscheiden, wie sie ihre goldene Hochzeit feiern würde. Dass sie feiern wollte, stand fest, das hatte sie mit ihrem Mann João abgesprochen, allerdings schon vor fünf Jahren. Seitdem sparte sie nur dafür. Sie kaufte sich nichts Neues und trug nur, was sie schon besaß. Dafür hielt sie sich in Form. Vor Sonnenaufgang machte sie einen langen Spaziergang über die Strandpromenade von Copacabana und trank ein Kokoswasser am Kiosk vor ihrer Wohnung. Dann nahm sie zu Hause eine kalte Dusche und frühstückte ihren Obstteller alleine. Zu Mittag aß sie nur Salat. Aber abends kochte sie, denn ihr Mann João aß gerne zu Hause. Sie kochte kalorienarm, fettlos, aber in großen Portionen. Ihr João war pflegeleicht. Sie kümmerte sich um den Haushalt und machte selbst alles sauber. Seit fünf Jahren waren sie weder essen gegangen noch verreist. Das Auto hatten sie längst verkauft; alles, um für die goldene Hochzeitsfeier zu sparen.

João hatte ihr die Organisation der Feier überlassen. Sie hatten sich geeinigt, dass sie 50 Gäste einladen würden, alle, die sie von Salvador kannten, von damals, als sie dort geheiratet hatten. Im Lauf der Zeit hatten sie den Kontakt mit all diesen Freunden verloren. Vielleicht weil sie 1.700 Kilometer weit von Salvador nach Rio de Janeiro gezogen waren. João hatte eine vielversprechende Stelle in Copacabana bekommen. Er hatte von Anfang an gutes Geld verdient. Sie hatten keine Kinder bekommen. Es war Gottes Wille gewesen. Mit dem Geld für die Kinder, die nicht da waren, hatten sie eine Wohnung mit Terrasse gegenüber vom Strand gekauft, ihre erste Wohnung, nachdem sie nach Rio de Janeiro gekommen waren. Ihr ganzes Leben hatte sie dem Heim und ihrem João gewidmet.

Wenn er am Feierabend nach Hause kam, aßen sie zusammen, während er über seinen Arbeitstag in der Firma sprach und sie über Haushalt, Fernsehsendungen und kleine Begegnungen mit den Menschen auf der Promenade. Nach dem Essen las sie ihm ein Kapitel aus einem Roman vor, den sie selbst gewählt und bei einer örtlichen Bibliothek ausgeliehen hatte, bis er müde wurde. Dann ging er zu Bett und sie in die Küche, um zu spülen. 

Dona Alícia schaute ihren Laptop an. Der Bildschirm war dunkel. In Gedanken war sie lange unterwegs gewesen. Sie schaute über das Meer von Copacabana, und da wusste sie genau, wie und wo sie ihre goldene Hochzeit feiern wollte. Sie klappte den Laptop zu.

Nur 500 Meter von ihrer Wohnung entfernt lag ein Beachclub, wo sie Mitglieder waren. Jeden Sonntag hatten sie dort zu Mittag gegessen, denn das Restaurant bot die beste Feijoada, einen Eintopf aus schwarzen Bohnen, die sie kannte. Aber seit fünf Jahren waren sie nicht mehr dort gewesen.

Dona Alícia nahm sich vor, bei ihrem nächsten Spaziergang dort hineinzuschauen, den Geschäftsführer aufzusuchen und ihm von ihrem Plan zu erzählen. Sie würde direkt einen Termin festlegen. Sie freute sich darauf.

„Bom dia, Dona Alícia. Lange nicht mehr gesehen!“

„Ja, das ist wahr. Ich war sehr beschäftigt.“ Dann erzählte sie dem Geschäftsführer von der goldenen Hochzeitsfeier. Er suchte im Kalender, und es gab tatsächlich eine Absage für den 20. September. Diesen Termin konnte er ihr anbieten, mit Übernachtung für ihre 50 Gäste, inklusive Frühstück. Ihren Wunsch, eine Feijoada mit Beilagen und ein Sternfrüchtekompott mit Käse zum Nachtisch, würde er natürlich gerne erfüllen. Die dazugehörige Caipirinha und eine Hochzeitstorte gingen auf Kosten des Hauses für ihre Treue über so viele Jahre.

Dona Alícia bestand darauf, dass ein Pianist auf einem Flügel den Hochzeitsmarsch aus Joãos Lieblingsoper spielen sollte, sobald sie mit ihrem Mann erscheinen würde. Die Gäste sollten alle gleichzeitig aufstehen, wenn die ersten Akkorde erklängen.

„Wenn sie möchten, Dona Alícia, kümmert sich unser Haus um die Dekoration und die Musik, den Flügel und den Empfang ihrer Gäste. Sie brauchen mit ihrem Mann erst um 11 Uhr hier zu sein, zu Beginn ihrer Feier.“ Er versprach ihr, die Einladungen zu verschicken, sobald er ihre E-Mail mit der Gästeliste erhalten hätte, und  sogar einen Transfer vom Flughafen in Rio nach Copacabana zum Beachclub.

Dona Alícia schwebte in den Wolken. Sie eilte nach Hause. Sie wollte João alles ausführlich per Telefon berichten. Aber vor fünf Jahren hatte sich Vieles in seiner Firma geändert. Sie sollte ihn nicht mehr bei der Arbeit stören. Sie musste warten, bis er nach Hause kam.

Er freute sich über die Feier und vor allem über den ausgehandelten Betrag. Natürlich freute er sich darauf, all diese Leute, die sie seit ihrer Hochzeit nie wieder gesehen hatten, auf einmal vor sich zu erblicken.

„Darauf sollten wir anstoßen, mein lieber João!“ Sie lief in die Küche und machte zwei Caipirinhas. Dann ging sie auf die Terrasse zurück, wo er saß, und stellte die beiden Gläser auf dem Balkontisch ab.

„Saúde!"

Er trank einen Schluck, und sie nahm sein Glas zu sich. Sie wusste, bereits eine kleine Menge Alkohol machte ihn betrunken. An diesem Abend las sie ihm nicht vor. Sie hatten sich so viel zu erzählen... „Wie werden unsere 50 Gäste nach 50 Jahren wohl aussehen, João?“

Sie machte sich einen Zettel und notierte alles, was sie noch innerhalb der nächsten vier Wochen vorbereiten musste.

  • Hochzeitskleid und Anzug zur Reinigung bringen - Sie wollten unbedingt die Kleidung tragen, die sie damals bei der Hochzeit in der Kirche angehabt hatten.
  • Weiße Schuhe für João kaufen
  • Weiße offene Sandalen - Sie sollten flach sein, damit ihre Füße bei den hohen Temperaturen nicht anschwollen.
  • kleiner Brautstrauß - Damals hatte sie einen großen getragen, aber diesmal im Beachclub sollte es einer mit kleinen weißen Rosen sein, passend zu ihrem Alter und ihrer Figur, denn sie war deutlich kleiner geworden.
  • Blumenanstecker für João - Sie müsste der Floristin ein Hochzeitsbild zeigen, das auf ihrem Nachttisch stand.
  • Limoservice im Internet suchen - Es wäre eine Sensation in Copacabana, wenn sie aus der Limousine stieg. Vielleicht bekäme die Presse Wind davon.       

„Meine Haare! Oh! João, was meinst du? Wie soll ich meine Haare tragen? Soll ich sie binden?“ Dona Alícia war gelernte Frisörin. Nachdem sie die Hochzeitskleidung aus der Reinigung abgeholt hatte, würde sie jeden Tag eine neue Frisur ausprobieren, bis sie die Richtige fände.

João war auf der Terrasse vor dem Meer eingeschlafen.

„Oh Liebling! Du bist müde. Ich habe so viel geredet. Ich bin total aufgeregt. Es tut mir leid. Gehen wir ins Bett.“ Sie trug die Gläser in die Küche, und er verschwand im Schlafzimmer.

Am Hochzeitstag waren alle ohne Ausnahme versammelt. Als der Pianist mit dem Hochzeitsmarsch aus Lohengrin von Wagner begann, standen alle 50 Gäste auf. Zwei Pagen öffneten das Tor des Beachclubs, und Dona Alícia trat ganz alleine ein. Sie blickte zum Himmel und zwinkerte ihrem Mann zu.        

 

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